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W O R T | Y S S E E

Der Blick

Als ich dich sah und unsere Blicke sich trafen, da verschwand die Zeit. Der Moment wirkte endlos. Er hatte einen Anfang, aber kein Ende. Deine Schönheit zog mich direkt wieder in ihren Bann. Schon früher konnte ich mich nicht gegen sie wehren. Es war als könnte ich deinen Körperduft wieder riechen, deine weiche Haut auf meiner spüren und als würde dein Lachen wieder in meinem Ohr erklingen. Aber da war noch mehr. Da war auch Trauer und Schmerz und Enttäuschung. Viel Hoffnung, die erlosch. Und viel Liebe, die blieb als wir beide schon fort waren. Liebe mit der ich bis heute nicht weiß, was damit anzufangen. Was macht man mit ihr? Mit den Erinnerungen, dem Wissen über die andere Person, den Stürmen, der Stille? Sie ertragen.

Heute ist all das noch existent, lebt weiter, aber mehr als diesen schweigsamen Blick bekommen wir nicht mehr zustande. Die Welt ist eine andere. Wir haben uns verändert. Die Zeit hält nicht an. Nicht für uns. Für niemanden. Auch wenn wir besonders waren oder uns zumindest so sahen.

Der Blick, so zeitlos er sich auch anfühlte, war ein Blick in die Vergangenheit. Ein wässriger, salziger, vor Sehnsucht triefender Blick in eine vergangene Zeit. Bevor wir ausgestorben sind. Für die Dauer des Blicks kam alles wieder hoch. Kurz, aber intensiv. Wie ich dich zum ersten Mal sah und dir nachrannte, die Chance nutzte, die tiefen Gespräche, die ersten Dates, auch wenn wir sie so nicht nannten, meine Schüchternheit, meine Niederlagen und mein Kampfwille, der erste Kuss und der erste Sex und die vielen die folgten, der erste Streit und all die Streitereien, die gemeinsamen Morgenstunden, die durchzechten Nächte, das Licht und die Wärme in deinem Zimmer, deine laute Stimme, dein Name auf meinem Handy, die Verbundenheit, die Liebe, die Goodbyes und Hallos und das letzte Mach’s gut und pass auf dich auf. Ein Moment, ein Leben, ein Vergleich zur Ewigkeit.

Der Blick war aber mehr als nur ein Blick in die Vergangenheit. Er war auch eine Illusion, eine Fantasie, eine Vorstellung. Zerbrechliche Hoffnung, die kein Fundament besitzt. Was hätten wir sein können? Fragst du dich das manchmal? Es ist wie es ist, auch wenn ich mir wünsche, dass wir wären was wir hätten sein können.

Dann löste sich der Blick. Wortlos. Berührungslos. Hoffnungslos. Niemand hat mich bisher gebrochen, außer die Liebe. Die heimtückische Liebe. Die Liebe für die sich alles lohnt.

Der Blick ließ mich zurück. Ließ dich zurück. Die Beine waren schwach, konnten mich kaum noch halten. Die Hand zitterte leicht. Mein Körper war energielos und mein Kreislauf am Boden. Mir war übel und irgendwie kalt. Damit habe ich nicht gerechnet. Rechnen und Gefühle, das passt so gar nicht. Das eine folgt bestimmten Regeln, das andere ist Anarchie. Die Anarchie der Liebe, sie gilt auch noch wenn sie bereits verloren ist.

Es war schön dich gesehen zu haben. Ich hoffe, es geht dir gut.

[Photo by Life of a Dreamer is licensed under CC BY-NC 4.0]

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Der Idiot ist tot, es lebe der Idiot!

Du verstehst mich nicht. Du verstehst mich nicht, weil du zu einer rationalen Welt gehörst, die funktioniert. Du funktionierst. Der Großteil funktioniert. Ich funktioniere nicht mehr.

Funktionieren. Funktionieren ist der Tod, schleichend, auf Raten, ohne zu sterben, aber eben ohne zu leben. Funktionieren richtet die Kreativität, die Leidenschaft hin, raubt dem Herzschlag das Potenzial, die Bestimmung. Menschen funktionieren und werden zu Robotern. Kühl, mechanisch, effizient und fast fehlerfrei und sollte im letzten menschlichen Code ein Bug stecken, dann folgt das Update.

Ich hasse diese rationale Welt und ich hasse die Gesellschaft und wahrscheinlich hasse ich auch dich – vielleicht hasse ich aber auch nur mich und bin zu dumm diesen korrelierender Zusammenhang zu erkennen.

Du verstehst mich nicht. Dabei fühlen wir uns doch alle unverstanden, oder? Die Einzelgänger, die Gesetzlosen, die Verrückten, die Angepassten, die Beamten, die einzelnen Teile der grauen Masse, die wir als Gesellschaft bezeichnen. Weißt du wann man dich versteht?! Wenn du dir eine gottverdammte Kugel in den Kopf jagst … und dann ist es zu spät. Und das macht uns einsam. Das Gefühl nicht verstanden zu werden. Einsamkeit ist aber scheiße, also blenden wir sie aus, lenken uns ab, töten was in uns tobt und schweigt, die Monster, die Dämonen, das kleine Kind. Die innere Revolution muss um jeden Preis niedergeschlagen werden. Nichts ist wichtiger als den falschen Frieden zu bewahren, vor uns und vor allem vor anderen.

Ich konnte die innere Revolution nicht mehr bezwingen. Der Idiot ist tot, es lebe der Idiot! Und nun verspürst du diese Angst. Es könnte passieren, dass das Feuer auf dich übergreift. Und dann müsstest du womöglich die Hosen runterlassen vor dir und vor der Welt und wer tut das schon gerne?! Plötzlich wären da Fragen, die nicht locker lassen, plötzlich wäre da Schmerz und Wahrheit und eine Revolution, die überhand nimmt. Und willst du wissen wie das dann aussieht?

Schau mich an. Ich sitze hier in meinen geistigen Exkrementen und meiner eigenen Gefühlskotze. Erbärmlich und stinkend. Wahrscheinlich läufst du funktionierender Mensch an mir vorbei und wirfst mir ein paar Münzen vor die Füße und einen mitleidsvollen Blick zu. Klar, so ist das Bild im Kopf. Aber es sollte andersrum sein, denn diese Scheiße ist meine Asche und der Gestank, die Erniedrigung, der Schmerz ist meine Auferstehung. Kein strahlender Phoenix, nur ein Mensch.

Du verstehst mich nicht. Du hast nur Mitleid für mich übrig. Ach, und diese gut gemeinten Phrasen wie „denk positiv“ oder „alles wird gut“. Doch weißt du was?! So ist das Leben nicht. Es wird nicht immer alles gut. Es könnte sein, dass wir Jobs nachgehen, die uns nicht erfüllen, dass wir heiraten, weil die Gesellschaft es vorschreibt und dass wir nicht glücklich werden. Vielleicht führen wir ein Leben, das geprägt ist von Vergleichen und Zwängen. Eigentlich ist das alles sogar sehr wahrscheinlich und wir wissen das. Selbstbetrug ist aber leichter als Mut und Veränderung und vor allem das Ungewisse. Darum nehmen wir das in Kauf und funktionieren, was auch okay ist, solange niemand ausbricht. Wir machen aus individuellen Leben eine einheitliche Standardkacke, massentauglich, von allen verstanden und geliebt. Und dann? Dann verrecken wir, sind weg, für alle Zeit, nur ein weiteres Teil der belanglosen Unendlichkeit. Und das Schlimme ist, wir geben uns damit zufrieden. Ein Leben lang kratzen wir nur an der Oberfläche. Die Oberfläche muss glänzen und strahlen wie unsere Karren, die Häuser, unsere Fressen, der Partner und die Kinder, die Nächte, die wir verbringen und das ganze gottverdammte Leben.

Aber weißt du was?! Da sitze ich lieber hier in der Scheiße, von der inneren Revolution zugrunde gerichtet und von dir nicht verstanden. Du verstehst mich nicht. Nicht meine Situation, nicht meine Kämpfe, nicht mein Herz, nicht die Tiefen und nicht die Weiten, nicht den Abgrund und nicht den Himmel, nicht die stillen Momente und nicht die Ausbrüche, nicht die Liebe und nicht den Schmerz, nicht das ungewollte Funktionieren, nicht den Menschen in mir – und das ist okay.

[Photo by Bertrand is licensed under CC BY-NC 4.0]

Sommernacht in 0711

Es ist eine dieser typischen Sommernächte und doch ist sie anders. Es ist warm. Die Stadt kühlt gemächlich ab wie glühende Kohlen. Es weht kein Wind. Ich trage eine lockere kurze Hose und einen warmen Hoodie – wieso und warum einen Pullover weiß ich auch nicht. Die Nacht ist ruhig und still und friedlich. Kann Luft nach etwas schmecken? Ich weiß es nicht, aber sie schmeckt süßlich wie es der Sommer ist. Sie schmeckt nach kühlem Eistee am Meer. Tausend Düfte liegen in der Luft – ein Festmahl für den Geruchssinn. Die Luft brennt. Das Atmen fällt gar schwer, vor lauter Pollen und Staub. Trotzdem tut es gut sie zu atmen. Sie hält mich am Leben. Jeder Atemzug füllt meine Lunge mit Leben – teilweise auch mit Hoffnung und Schmerz. Diese Nacht ist wie gemalt und wie aberwitzig es auch klingen mag, sie ist ein Segen für meine Seele. Sie ist wie eine kühlende Hand auf einer kochenden Stirn, die einen zur Ruhe kommen lässt. Den Atem verlangsamt, den Puls, die Gedanken, die Welt. Über den Dächern der Stadt, unter den Sternen und weit entfernt von den Lichtern des pulsierenden Stadtkerns herrscht so etwas wie Frieden. All der Stress dieser Welt lässt von einem ab und auch getriebene Seelen finden einen kurzen Moment der Ruhe. Unmerklich huscht eine Katze durch die goldleuchtenden Straßen, während aus der Ferne das leise Geräusch heulender Sirenen ertönt. Vereinzelt treibt es Menschen umher. Jugendliche, Paare, gruselige Gestalten – allesamt schattenwerfend durch die Scheinwerfer vorbeifahrender Autos. Ich laufe und treffe immer wieder auf Menschen. Fremde Sprachen schallen aus den Taxen und entführen mich in die Weiten der Welt. All der Hass dieser Welt ist wie weggeblasen, er ist bedeutungslos. Für einen kurzen Augenblick sind die Welt und die Menschen verschmelzt. Diese Nacht ist magisch, sie trägt einen unverkennbaren Zauber in sich.

Ein paar Reime

Seitdem ich dich kenne, schreibe ich Texte am Fließband,
denn die Liebe traf mich zielsicher wie ein Heckenschütze am Schießstand.
Seit Tagen unter etlichen Lagen von Papier begraben
und in den Wahnsinn geraten,
dabei dich zu beschreiben in Form von Balladen.
Eine mir so triste Welt,
in der man Verliebte für verrückt hält,
zerfällt zum Glück Stück für Stück.
Schwarzweiß zur Tageszeit wird ganz farbenfroh
und selbst der Abend erstrahlt im Abendrot,
seit dem ersten Tag so.
Denn wenn die Liebe kommt, dann gnadenlos.
Ganz atemlos, versteinerter Körper, so tatenlos.
Tausende Gedanken, sich fragend bloß:
Was ist los?
Dein Anblick so tadellos, makellos.
Verliebt sein.
Reich‘ mir die Hand und der Himmel auf Erden kann unser Ziel sein.
Lass uns unseren Weg gemeinsam beschreiten
und unsere Wege sich niemals mehr scheiden.
Denn ich seh‘ in dir so viel mehr wie ein Visionär.
Ich seh‘ die erste Wohnung, dich im Kleid,
am Finger ein Ring,
Elternzeit und erstes Kind.
Ich seh‘ die Jahre vergehen,
Falten, die entstehen,
doch vor allem eine Liebe alles überstehen.

[Photo by sinkdd is licensed under CC BY-NC-ND 4.0]

Sonntage

Es ist einer dieser Sonntage (du weißt schon).

Einer dieser Sonntage, die zeitlos sind, fernab der Welt geschehen. Einer dieser Sonntage, die ihre eigene Magie in sich tragen.

Die Morgensonne kämpft sich durch die kleinen Öffnungen des Rollladens in das dahinter verborgene Schlafzimmer. Gemächlich taucht es den Raum in ein goldenes Licht und lässt zarte Umrisse unter der Bettdecke erahnen.

Du wachst auf. Oder sie. Oder ihr beiden gemeinsam. Der ganze Raum ist von einer friedlichen Stille umgeben. Er riecht nach Schlaf, nach ihr, nach dir, irgendwie nach euch. Im Halbschlaf ziehst du sie an dich. Ihr zierlicher Körper schmiegt sich an deinen an. Perfekt, dabei seid ihr beiden doch alles andere als das. Eng umschlungen liegt ihr da. Ihre Haare, eine schwarze Löwenmähne (so schwer zu bändigen wie ihr Temperament), kitzeln dein Gesicht, aber du lässt den Griff nicht los. Du willst ihren Duft inhalieren. Du liebst ihren Duft, verdammt das tust du. Liebst du ihn eigentlich, weil du sie liebst oder liebst du sie, weil du ihren Duft liebst? Egal. Ihre weiche Haut (Gott, ist ihre Haut weich) legt sich wie ein Seidentuch auf deinen Körper. Sie weiß genau wie verrückt du nach ihr bist. Mit ihren sanften Füßen streichelt sie dein Bein. Langsam beginnst du sie zu küssen. Es sind weniger Küsse, mehr ein Hauch von Küssen. Trotzdem, die ersten Küsse des noch jungen Tages versprechen viel – aber das tun sie wohl immer, oder? Dann öffnest du deine Augen zum ersten Mal vollständig. Du blickst sie an. Ihr Gesicht trägt noch die Nacht und die Anstrengungen der letzten Wochen in sich, ihr Haar ist zerzaust und wild. Sie ist wunderschön. Und sie sieht es in deinen Augen, wenn du sie anschaust und das fucking Universum mit allen Galaxien und Sternen in deinen Augen glänzt.

Fick Kaffee, in Küssen steckt mehr Koffein. Sie wecken euch. Aus gehauchten Küsschen werden leidenschaftliche Küsse. Sie ersetzen das Frühstück (erst einmal). Ihr habt noch kein Wort gesprochen, aber ihr versteht euch. Ihr sprecht die gleiche Sprache. Wir alle sprechen sie. Mit der Zeit werden auch die zarten Berührungen stärker. Wilder. Ihr seid so fucking wach. Der erste Sex des immer noch jungen Tages gipfelt in einer Lautstärke, die wohl auch die Nachbarn aufweckt. Tja, ihr seid verliebt und gebt ein Fick auf alles andere. So ist es nun mal, wenn sich die Liebe manifestiert. Sie nimmt keine Rücksicht. Wieso sollte sie auch? Tut es der Hass? Nope. Danach fallt ihr wieder wortlos und schwer atmend zurück in die Bettlaken. Liegt einfach da. Das Glück liegt nicht auf der Straße, es liegt im Bett. Ihr sprecht die ersten gewollten Worte, ihr lächelt, lacht, du ärgerst sie, weil du es liebst, wenn sie sich aufregt.

Die Welt scheint in Ordnung zu sein. Der Alltag, die Sorgen und die Verpflichtungen sind nicht existent. Zumindest nicht heute. All das befindet sich außerhalb des Bettes.

Irgendwann meldet sich der Hunger. Ihr verlasst die sichere kleine Insel. Sie kocht Kaffee auf, trägt dein T-Shirt, du gehst zum Bäcker. Als du zurückkommst und sie den Tisch deckt, umarmst du sie, küsst sie wieder, lenkst sie ab. Sie kämpft sich frei. 1:0 für sie. Die Wohnung duftet mittlerweile herrlich nach Kaffee. Du magst das.

Verdammt, erinnerst du dich noch an die Zeit, in der dich die Liebe gefickt hat? Ja? Das alles ist in diesem Moment vergessen. Du weißt der Scheiß lohnt sich, jeder Kampf, jede Niederlage … für solche Sonntage.

Nach dem Frühstück verschwindet ihr wieder ins Bett. Die Welt kann euch mal. Ihr beginnt Serien, doch schaut sie nicht zu Ende, weil ihr die Finger nicht von euch lassen könnt. Autoren schreiben gut, das Leben besser. Und auch geiler.

Wieder leidenschaftliche Küsse. Wieder Sex. Pizza im Bett. Wieder schlafen. Sex.

Der Tag zieht vorüber – Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Ein zeitloser Sonntag neigt sich dem Ende zu. Paradox.

Es fühlt sich so gut an, so richtig. Für diese Tage lebt man doch, liebt man.

Und du liebst sie! Diese Sonntage, aber vor allem sie.

[Photo by Rowena Waack is licensed under CC BY-NC-ND 4.0]

Die junge Frau

Es war eine totenstille Nacht in einem lange vergangenen August. Warm, gar stickig. Eine dieser Nächte, in denen man nach Abkühlung durstet, doch bitter enttäuscht wird. In einer Straße, die in beide Richtungen endlos erschien, standen sich zwei von uns direkt gegenüber. Eine junge Frau und ein junger Mann. Im schwachen Licht der Laternen waren sie kaum zu erkennen, zwei zarte Silhouetten, mehr Rauch als Mensch.

Die junge Frau und der junge Mann kamen sich immer näher. So nah, dass aus zwei schwachen Umrissen eine feste Einheit wurde. Die Szenerie wirkte vertraut und befremdlich – ein ideales Motiv für Öl auf Leinwand. Die Einheit war so geschlossen, dass man nicht erahnen konnte, was die junge Frau und der junge Mann da trieben – sprachen sie miteinander, verloren sie sich, küssten sie?

Plötzlich trat die junge Frau zurück und entfernte sich von dem jungen Mann. Erst einen Schritt, dann einen zweiten und noch einen dritten. Die Einheit war zerbrochen und die Entfernung zwischen beiden Silhouetten wirkte nun wie ein nicht zu überwindender Abgrund.

Dann, ohne Vorwarnung, zog die junge Frau einen schweren Revolver, der so gar nicht zu ihrer zerbrechlichen Zierlichkeit passen wollte. Sie feuerte einen Schuss direkt auf den jungen Mann.

Volltreffer!

Die Kugel traf den jungen Mann mitten in die Brust. Er blieb regungslos stehen. Trotz der rohen und mächtigen Gewalt kam es zu keinem Durchschuss. Die Patrone steckte irgendwo in der Brust fest.

Nach dem Schuss kehrte sofort wieder Totenstille ein. Die junge Frau drehte sich wortlos um und ging die endlose Straße entlang. Sie verschwand in der Dunkelheit. Man hat sie nach dieser Nacht nie wieder gesehen.

Der junge Mann stand noch eine Weile, mittlerweile mehr schwankend, bevor er zu Boden stürzte. Da lag er nun. Allein und angeschossen im schwachen Licht der Laternen. Nicht einmal der Mond wollte in dieser Nacht Zeuge der Geschehnisse sein.

Die Nacht ging vorbei und die Stadt erwachte seelenruhig aus dem Schlaf als wäre nichts vorgefallen.

Als die Morgenröte den Schauplatz flutete, war da jedoch keine Leiche, nicht einmal Blut klebte auf der Straße. Nichts deutete nur ansatzweise daraufhin, dass hier ein Mord verübt wurde, dass hier ein junger Mann sein Leben ließ.

Der junge Mann war weg, spurlos verschwunden. Und mit ihm alle Beweise dieser Nacht.

Vielleicht ist er gestorben, vielleicht reicher an Erfahrung – man weiß es nicht?!

[Photo by Ernesto De Quesada is licensed under CC BY-NC-ND 4.0]

Wenn ein Herz blutet, …

Wenn ein Herz blutet, dann blutet es. Und es gibt kein Pflaster, das die Blutung nur ansatzweise stoppen könnte. Es blutet einfach. Und manchmal blutet es elendig aus wie ein Tier auf der Schlachtbank.

Und dann ist da die Welt mit all ihren strahlenden Versprechen und glühenden Verheißungen, die Linderung propagieren. Es wird uns eingeredet, dass das oder das hilft, doch einen Scheiß tut es. Du kannst von Club zu Club ziehen, betrunken im Licht des Stroboskops tanzen und dich in den Augen fremder Frauen verlieren, aber das Herz lässt sich weder von der rauchigen Dunkelheit noch von den blitzenden Lichtern täuschen. Kein Boden der Flasche und keine lila Wolken vermögen dieses Kunststück zu vollbringen. Die Betäubung sorgt nur dafür, dass die Gefühle sich ausruhen können, um dann noch stärker zurückzuschlagen. Du kannst von Laden zu Laden pilgern und dich an den materialistischen Wundern unserer Zeit ergötzen, doch das Herz ist nicht bestechlich. Du kannst von Frau zu Frau springen, sie ficken, in fremden Armen und in fremden Betten die Sehnsucht stillen und das Ende erwarten, doch keine Muschi dieser Welt vermag es, die Wunde zu heilen. Die Eine vielleicht, die auf die wir warten seit uns der Glaube ins Herz gesät wurde, aber stechender Schmerz trübt unsere Sinne. Selbst die großen Träume, die uns immer leben ließen, helfen nicht mehr. Sie werden gar ein Übel, ein nicht erreichbares Ziel.

Ein verletztes Herz, weswegen auch immer, macht jeden Atemzug schwer. Und jeder Versuch das zwanghaft zu unterbinden, macht es schlimmer. Man steckt fest im Treibsand und jeder Versuch zieht uns nur weiter in die Tiefe, bis die Luft fehlt. Die Seele ist gebrechlich und das Herz empfindlich. Schneller als wir denken, töten wir es, meist selbst, wie ein in die Enge Getriebener, der keinen Ausweg mehr sieht. Und wir tun es, immer wieder, die Welt predigt es uns.

Ein Herz kann nur in Ruhe heilen, fernab von den Versprechungen und Verheißungen dieser Welt. In einer eigenen Zeiteinheit, in einem individuellen Takt. Das Herz macht was es will. Und wahrscheinlich ist das auch gut. Jeder Schmerz hat seinen Sinn und jeder Schmerz hat seine Daseinsberechtigung. Am Ende, hinter all den Bergen, wartet ein blühendes Tal mit klaren Flüssen voll Erkenntnis … und Linderung und Besserung.

Und manchmal ist Rückzug der einzige Weg um das Herz heilen zu lassen und um sich selbst wieder zu finden.

Und so sitze ich nun hier, rauchend vor dem MacBook, nur die Worte und ich, getrieben von der erbärmlichen Hoffnung auf Linderung. Ich bin keiner von den anderen, ich bin einer von euch. Einer, der die Fehler begeht, der seine Seele tötet, manchmal. In der Stille und der Einsamkeit der Nacht plane ich meinen Rückzug. Nicht um aufzugeben, sondern um den Schmerz zu überwinden, die Blutung zu stoppen.

Für wie lange? Fragt mein Herz!

[Photo by Jonathan Kos-Read is licensed under CC BY-ND 4.0]

Pleiten, Pech und Pannen und ein verpasster Flug

Ein Freund wartet gerade in Hamburg auf seinen Weiterflug nach Stuttgart. Vor ein paar Stunden war er noch in dem von Gaudí geprägten Barcelona. Eigentlich war alles ganz anders geplant.

Er wollte früh aufstehen, auschecken, in der Altstadt noch ein köstliches Frühstück und einen heißen Kaffee genießen und daraufhin seinen Flug nehmen. Abends hätten wir gemeinsam das Spiel angeschaut, ein paar kühle Biere gekippt und er hätte mir von seinem Trip erzählt.

Es kam jedoch alles anders. Zuerst stieg er in den falschen Zug ein. Als ihm sein Missgeschick aufgefallen ist, stieg er direkt an der nächsten Haltestation aus und nahm den richtigen Zug. Manchmal ist jedoch alles verhext und so hatte der richtige Zug eine technische Panne. Als diese nach etwa einer Stunde endlich behoben war, da war es schon zu spät. Er verpasste seinen Flug.

Jetzt sitzt er in Hamburg, muss vier Stunden auf seinen Weiterflug warten und ist um 120 Euro leichter.

Trotz der Schwierigkeiten kommt er letztendlich an seinem Ziel an. Vielleicht etwas später und erschöpfter, aber er kommt an.

Das beschreibt das Leben doch ganz schön.

[Photo by Fernando Ocaña Fernández is licensed under CC BY-NC-ND 4.0]

Wie die Liebe stirbt

Ich traue mich vor und blicke hinunter. Der Abgrund scheint endlos zu sein. Das bereitet mir Unbehagen. Ich kann es nicht einschätzen, wie lange ich fallen würde bis ich am Boden aufschlage. Sekunden, Minuten, Stunden, eine Ewigkeit? Vielleicht würde ich mich sogar irgendwann an das Fallen gewöhnen, vielleicht wäre es dann ganz normal – wie stehen oder gehen oder dich zu ficken. Wobei das habe ich schon lange nicht mehr getan – also dich zu ficken. Immer wenn ich dich ficken wollte, funkte die Welt dazwischen. Und das nicht nur beim Ficken, sondern auch was die Liebe angeht, die wir füreinander empfinden. Oder einmal empfunden haben. Das Leben ist eine große Unbekannte und eine launische Hure. Auf jeden Fall hat sich in letzter Zeit etwas zwischen uns gedrängt – der beschissene Alltag, Probleme und Verpflichtungen, andere Ansichten und Vorstellungen, irgendwelche Muschis und Schwänze, heilige Schriften und immer wieder unser gottverdammter Stolz. Wie jedes naive Paar träumten wir von dieser einen großen Liebe. So Disney Shit. Oder Hollywood. Wir Menschen halten und erwarten immer so viel von uns, dabei sind wir nichts weiter als ein paar manipulierte und kaufgeile Individuen in einer konsumgetriebenen Welt. Hollywood und die abendliche Werbung predigen uns Ideale und Wünsche, denen wir folgen. Die zehn Gebote von Amazon. Auf jeden Fall zurück zu uns. Wir sind einer Illusion auf den Leim gegangen. Wir reihen uns in einer langen Schlange von Idioten ein. Vielleicht hatten wir auch gar keine Wahl, wir sind nun mal ein Produkt unserer Umwelt. Keine Ahnung. Wir sind nur zwei weitere Menschen, die zu viel von sich halten und erwarten. Du von mir, ich von dir. Die Realität hat uns gejagt und erschlagen. Nun liegen wir hier nebeneinander auf dem dreckigen und kalten Boden – regungslos, blutend und mit einem unerträglich schmerzenden Kopf. Wir wollten ein Lichtblick sein und sind letztendlich nur ein weiteres Opfer dieser Welt. Das Blut läuft immer stärker. Wir sind erschöpft. So geht es also zu Ende mit uns. Mit der letzten Kraft finden sich unsere Hände und umschließen sich fest. Unsere Blicke treffen sich noch ein letztes Mal. Verdammt, siehst du gut aus.

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